Matten Vogel

Arbeiten /
Works  

Biografie /
Biography

Kontakt /
Contact

 

<< zurück | back

 

under compulsion, 2006 – 2007
Serie von 46 Iris Prints, Postern, nicht vollendeten Ölbildern (Maße unterschiedlich)
series of approximate 46 prints, unfinished paintings

under compulsion, 07.11.2006
Poster, 500 copies

 

under compulsion, 30.11.2006
Iris Print

 

under compulsion, 15.12.2006
Iris Print

 

under compulsion, 21.12.2006
Iris Print

 

under compulsion, 10.01.2007
Iris Print

 

Christiane von Gilsa

Künstlerische Freiheit unter dem Damoklesschwert
Matten Vogels Serie „under compulsion“, 2007


Eine Wand mit Löchern, die wie Einschußlöcher aussehen. Der Teppichboden sieht abgewetzt aus und von der dreckig-weißen Wand mit der altmodischen Steckdose blättert der Putz. Ein alter, einfacher Drehstuhl, der auch meistens irgendwie im Bild ist, wenn auch nicht das Hauptmotiv bildet. Dieses ist dahinter an der Wand zu finden: ein Gemälde aus grauen Quadraten und weißen Flächen. Manchmal hängen daneben auch noch ein Zettel oder zwei, so als wären sie dort achtlos vergessen worden. Es entsteht der Eindruck eines spontanen Schnappschusses, über dem schließlich ein Satz steht wie „Die Arbeit an diesem Bild wurde am 26.01.07 um 12:16 zwangsweise beendet.“ oder „This painting has been finished under compulsion on November 7, 2006, 11:33 pm“. Durch die sachlich schlichten Sätze wissen wir, daß hier ein Zwang ausgeübt wurde, daß hier die Freiheit geraubt wurde. Deuten die Einschußlöcher in der Wand auf einen tödlichen Ausgang der Ereignisse hin?

In der Serie „under compulsion/unter Zwang“ scheint tatsächlich etwas sterben zu müssen. Es ist die künstlerische Freiheit. Dabei ist diese Freiheit eines jener Merkmale, die der Definition des Künstlertums seit Beginn der Moderne zugrunde liegen. Schon im ausgehenden 19. Jahrhundert wird der sogenannte „moderne Künstler“ mit der Eigenschaft einer heroischen Individualität beschrieben, der eine „bedingungslose Souveränität“ sein eigen nennen darf. In kunsttheoretischen und soziologischen Schriften des 20. Jahrhunderts heißt es vom modernen Künstler, er besitze „Individualität im Akt der radikalisierten Subjektivität“. Es ist von dem „konzentrierten Umgang mit einer dezidierten, von den Zwängen des Erkennens und Handelns losgesprochenen Subjektivität“ die Rede, und zwar im Gegensatz zu der industriell geformten Zivilisation der Massenkultur. Immer wieder treffen wir auf den Begriff der Freiheit als zentrales Konzept des Künstlertums: „Die den Künstlern selbstverständliche Atmosphäre ist Freiheit – nicht weil sie Künstler sind, wollen sie diese, sondern weil Künstlersein freies Menschentum voraussetzt.“ Diese Theorien vereinend, bringt Wolfgang Ruppert die Idee des modernen Künstlers auf den Punkt: „Ein Individuum, das seine gesteigerte subjektive Empfindungen sowie seine Wahrnehmungsfähigkeit in einer individualisierten und authentisch-originellen ästhetischen Sprachlichkeit auszudrücken versteht. […] Gegenüber dem Konzept der „Bürgerlichkeit“, […] nahm der moderne Künstler somit eine besondere Stellung ein, die ihm uneingeschränkte Freiheit zur schöpferischen Entfaltung für seine intuitive Arbeitsweise gewähren sollte.“

Dieses hohe Gut ganzer Generationen von bildenden Künstlern, die über Jahrzehnte so hart erkämpfte Möglichkeit zur Selbstbestimmung, frei von gesellschaftlichen, kirchlichen und staatlichen Zwängen zu arbeiten, dies ist es, was Vogel in der Serie „under compulsion“ – aufgibt. Kein Wunder, daß seine Fotografien dieser Situation, mit Datum und Uhrzeit genau festgehalten, an die dokumentarischen Fotos eines grausigen Tatorts erinnern. Am 24. Januar 2007 um 10:09 Uhr, am 7. November 2006 um 11:30 und an vielen anderen Tagen mußte Matten Vogel seine künstlerische Freiheit zugunsten eines Systems, dem er sich bedingungslos unterwirft, abgeben.

Matten Vogel malt nach einer fotografischen Vorlage ein Bild, das nur noch aus grauen Quadraten verschiedener Helligkeitsstufen besteht. Die Erkenntnis des ursprünglichen Motivs ist in dieser grob gepixelten Unschärfe nicht mehr möglich – und ist vom Künstler auch nicht erwünscht. Bei Vogels Arbeiten ist oftmals nicht das Endprodukt entscheidend, sondern seine künstlerische Haltung. In diesem Fall ist vor allem das Beenden der Werke spannungsgeladen: Durch eine SMS bekommt Vogel irgendwann die Nachricht, daß er die Arbeit an dem Gemälde sofort einstellen muß. Genaueres über die Funktionsweise dieses Systems verrät der Künstler nicht. Bekannt ist nur, daß die Instanz, die diese Botschaft verschickt, die Zeiten kennt, an denen er in seinem Atelier arbeitet. Der Zustand des gerade begonnenen Bildes ist diesem willkürlich agierenden System jedoch nicht bewußt, und so kann es passieren, daß Vogel gerade erst ein einziges Quadrat ausgemalt hat, wenn die Nachricht eintrifft, daß er den Pinsel nun schon wieder aus der Hand legen muß. Trifft die SMS ein, hält Vogel den Zustand des Gemäldes fotografisch fest und malt dann das zuletzt begonnene Quadrat noch zu Ende. Die leer gebliebene Fläche wird mit Bleistift schraffiert, um die Grauwerte anzu-deuten, die Vogel ausgemalt hätte, wenn er hätte weiter arbeiten dürfen.

Die in den Fotografien dargestellte Szenerie erinnert an Situationen aus Spionage-, Gangster-, und Kriminalfilmen, deren visuelle Ästhetik sich in das kollektive Gedächtnis eingegraben hat. Dabei haben wir es hier lediglich mit einem Blick in das Atelier des Künstlers zu tun und demnach handelt es sich bei den Löchern in der Wand natürlich nicht wirklich um Einschußlöcher, auch wenn die freie Assoziation das im ersten Moment nahe legt. Bei „under compulsion“ vereint Vogel vorangegangene Arbeitsblöcke und führt die Fragestellungen nach Kontrolle, Überwachung, Zensur, sowie das Motiv der visuellen Unkenntlichkeit beziehungsweise Freilassung elementarer Bildpartien konsequent weiter.

Vogel hat die Kontrolle über seine Freiheit als Künstler an ein übermächtiges System abgegeben, das ihm willkürlich befiehlt, wann seine Malerei vollendet ist. Er ist seiner autonomen Entscheidungsfähigkeit beraubt und muß sich dieser eigenhändig ins Leben gerufenen Gottheit bedingungslos unterwerfen. Welche Folgen hat dieses selbstauferlegte totalitäre System auf seinen Arbeitsalltag? Vogel versucht, die ihm am wichtigsten erscheinenden Flächen des Bildes so schnell wie möglich zu bearbeiten, um „dem drohenden Ende“, wie er es nennt, zuvorzukommen. Es stellt sich ihm dabei immer die Frage, welches Quadrat als nächstes das wichtigste für das Gemälde ist. Andererseits stellt sich die Gegenfrage, welches Quadrat für das Gesamtwerk spannender sei, wenn es durch das plötzliche Ende unbemalt bliebe. „Ich versuche mich dieser Zwangsläufigkeit zu entziehen, durch Tempoerhöhung oder Verzögerung, lehne mich quasi dagegen auf, ersehne jedoch das Zeichen, die Arbeit zu beenden. Ein künstlerisches Sado Maso Paradoxon?“, schreibt er über seine Arbeit unter dem Damoklesschwert.

Vogel arbeitet mit Begriffen, die zunächst vorwiegend negative Assoziationen hervorrufen, bei zweitem Hinsehen jedoch auch einen positiven Aspekt bereit halten. So ist auch bei „under compulsion“ die erste Assoziation bei dem Gedanken der künstlerischen Entmündigung zunächst eine negative. Dieses Abgeben der Verantwortung könnte jedoch auch als Segen betrachtet werden. Wie Vogel selbst berichtet, ist sein Arbeitsalltag unter dem System hoch konzentriert, da jeden Augenblick die Nachricht der Beendigung eintreffen könnte. Er befindet sich zwar in einem Zustand der Abhängigkeit, doch die dadurch hervorgerufene künstlerische Hochspannung sorgt für größte Produktivität, bis die SMS zur Vollendung des Werkes eintrifft – die gefürchtete, und doch ersehnte Erlösung. Durch dieses System kann sich Vogel der Verantwortung entziehen, selbst die Entscheidung treffen zu müssen, wann ein Werk als vollendet anzusehen ist. Eine Entscheidung, die schon so manchem Künstler der Bildenden Kunst, aber auch der Musik und Literatur, das Leben schwer machte. Damit wird das SMS-System zu einem deus ex machina im klassischen Sinne. In der antiken Tragödie konnte es zu Konflikten kommen, die sich nicht immer aus der Handlung heraus von den Protagonisten des Theaterstückes lösen ließen. Ihre Klärung erfolgte von außen durch das überraschende, manchmal sogar unlogische Eingreifen einer Gottheit, die dem Geschehen die entscheidende Wende gab – und den Helden meist aus einer brenzligen Situation errettete. Oft ist das plötzlich erzwungene Ende der Malerei durch die SMS brutal und das Ergebnis eventuell unbefriedigend. Doch manchmal ertönt das elektronische Piepsen in genau dem richtigen Moment und bewahrt Vogel vor einem Strich, der am Ende vielleicht ein Strich zu viel gewesen wäre. Das Gemälde ist dann trotz – oder gerade wegen – seiner Leerstellen ein großer Erfolg, der ihn selbst freudig überrascht.

Unterdrückung, Zwang, Entmündigung, Kontrolle – Wörter, die jedem Künstler (und auch sonst jedem Menschen) einen kalten Schauer über den Rücken laufen lassen. Wie kann sich Matten Vogel bloß freiwillig in die Gewalt einer Instanz begeben, die ihm befiehlt, sofort die Arbeit an einem Werk einzustellen, ob er nun möchte, oder nicht? Wenn wir die Situation genauer betrachten, so sehen wir, daß das Ganze gar nicht so aussichtslos und furchterregend ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Ja, Vogel ist gewissen Zwängen ausgeliefert – aber sind das die Künstler nicht immer schon gewesen? Sicherlich sind die Zwänge der älteren Geschichte, beispielsweise die Unterdrückung der freien Künste durch das Oberhaupt der Kirche, und die Zwänge der jüngeren Vergangenheit, wie die Entartete Kunst im Dritten Reich, Probleme, vor denen sich unsere Zeitgenossen (zumindest der westlichen Welt) nicht mehr fürchten müssen. Statt dessen regiert der Gott des Kapitalismus, und wehe dem, der ihn nicht gnädig stimmen kann. Wer den Markt in Gestalt von Galeristen, Kuratoren und Sammlern nicht befriedigt, muß sich allzu oft mit einer künstlerischen Randexistenz und einem anderen Broterwerb zufrieden geben.

Zwang, Unterdrückung, Kontrolle – auch heute noch ein stetiger Bestandteil des Künstlertums. In diesem Zusammenhang ist es faszinierend, wie Matten Vogel demonstriert, daß sogar unter einem System der künstlerischen Entmündigung die Kunst einen Weg findet, zu existieren. Sicher, er kann nicht selbst entscheiden, wann ein Gemälde fertig ist. Doch trotzdem gibt er nicht auf, sondern produziert seine Kunst sogar unter einem ständigen Druck und Zwang. Immer wieder greift Vogel zum Pinsel, unterwirft sich abermals der Kontrollinstanz, versucht mittels Verzögerungstaktik und Tempoerhöhung sich ein gewisses Maß an Eigeninitiative zu erhalten. Matten Vogel macht Kunst und künstlerische Freiheit auch da möglich, wo sie eigentlich ersticken müßte. Und das ist beruhigend.

 

English version

Christiane von Gilsa

Artistic freedom always at risk
Matten Vogel’s series “under compulsion”


A wall punctured with what look like bullet holes. The carpet is worn and plaster peels from the dirty white wall with the old-fashioned power outlet. An old, simple swivel chair which is usually somewhere in the picture even though it is not the main motif. The latter is to be found on the wall behind: a painting comprising gray squares and white areas. The impression is of a spontaneous snapshot. Above it there is a sentence reading “Work on this painting was finished under compulsion at 12:16 on January 26, 2007” or “This painting has been finished under compulsion on November 7, 2006, 11:33 pm”. These factual, simple sentences tell us force was exerted here, that the artist was deprived of liberty. Do the bullet holes in the wall point to events having taken a deadly turn?
It really does seem as if something has to die in the series “under compulsion“. That something is artistic freedom.

Yet this freedom has been one of the defining features of being an artist since the start of the modern age. Already in the late 19th century the so-called “modern artist” is described as having a heroic individuality, who can call his “unconditional sovereignty” his own.
This considerable privilege enjoyed by entire generations of fine artists, namely the freedom gained after decades of struggle to be one’s own master and work free of societal, clerical and state constraints is what Vogel renounces in the series “under compulsion”. Hardly surprising that his photographs of this situation with the date and time precisely recorded recall the documentary photos of a horrific crime scene.

Matten Vogel uses a photograph as the basis for a painting made up solely of gray squares of varying levels of brightness.
It is no longer possible to recognize the original motif in this coarse-grained blur – nor does the artist deem this desirable. It is not the final product that is decisive in Vogel’s works but more often his artistic position. In this case, above all the ending of the work is charged with tension: At some point Vogel receives a text message telling him he must immediately cease working on a painting. The artist does not reveal more precise details about just how the system functions. However, since the arbitrarily operating system is not aware of the state of a painting, Vogel might only have painted a single square when the message arrives and he has to put his brush down. Vogel makes a photographic record of the painting’s state and then finishes painting the square he was last working on. He adds pencil hatching to the areas that are without paint to allude to the gray sections he would have painted had he been allowed to continue painting.

In “under compulsion” Vogel brings together preceding sets of work and systematically continues the questions about control, supervision, censure, but also the lack of visual recognition or rather the release of elementary image sections. Vogel has surrendered the control over his freedom as an artist to an overly powerful system that arbitrarily decides for him when his painting is complete. What impact does this self-imposed totalitarian system have on his working day? Vogel attempts to complete those areas of the painting he deems most important as quickly as possible to preempt what he calls “the impending end”. For him the question is always which square is the most important for the painting. On the other hand, there is the alternative question: which square would make the overall work more exciting by its omission. “I try to avoid the inevitability of it by speeding up or slowing down, revolt against it as it were, but long for the signal to complete the work. An artistic sadomasochist paradox,” he writes of his work so on the edge of dissolution.

Vogel works with expressions that initially arouse largely negative associations but at second sight also have a positive aspect. Likewise with “under compulsion” the first association at the thought of artistic incapacitation is a negative one. But renouncing responsibility in this way could also be seen as a blessing. As Vogel himself notes his working day is highly concentrated under this system since the message to complete his work could arrive at any time. Though he is in a state of dependence the artistic tension this produces makes for considerable productivity until the text message arrives to complete his work – the release that is both feared yet longed-for. Thanks to this system Vogel can avoid the responsibility of having to make a decision himself on when a work is to be seen as finished. This makes the text message system a deus ex machina. Often the sudden, forced completion of the painting through the text message is brutal and the result may be unsatisfactory. Yet sometimes the electronic beep occurs at just the right moment and saves Vogel from making a stroke that might perhaps have been one too many. Subsequently, the painting is a great success despite or maybe because of the empty spaces – and is a pleasant surprise to him.
Vogel is subject to constraints – but has this not always been the case for artists? Naturally, the constraints of older history, say the suppression of the liberal arts by the head of the church, or the constraints of the more recent past such as degenerate art in the Third Reich, are problems our contemporaries (at least those in the Western world) need no longer fear. Instead what now rules is the god of capitalism, and those unable to win its favor are to be pitied. All too often those that do not satisfy the market in the guise of gallery owners, curators and collectors must be content with an existence on the periphery of art and take up another means of earning a living.

Even today compulsion, suppression and control are part and parcel of being an artist. This makes it all the more fascinating that Matten Vogel demonstrates how even under a system of artistic incapacitation art finds a way of existing. Admittedly, he cannot decide for himself when a painting is finished. Yet he still does not give up but produces his art and does so under constant pressure and compulsion. Vogel repeatedly takes up his brush, submits himself once again to the controlling agency, while trying to retain a certain degree of personal initiative by slowing down or speeding up. Matten Vogel shows us art and artistic freedom are possible under conditions that would normally stifle them. A reassuring thought.