Matten Vogel

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scroll - vor die Zeit kommen

 

scroll - 16. Mai 2017 - vor die Zeit kommen
Öl auf Leinwand / oil on canvas, 140 x 95 cm

 

scroll - 25. Juni 2017 - vor die Zeit kommen
Öl auf Leinwand / oil on canvas, 140 x 95 cm

 

Scroll

Die Wahrheit ist konkret, hat Bertold Brecht gesagt. Doch das Abstrakte ist seiner Zeit voraus. Es versucht, eine Wahrheit zu erfassen, die nicht mehr verstanden wird, worauf Künstler oft auf eine naheliegende Weise reagiert haben. Sie haben Wirklichkeit auf ihre "konstanten Formelemente" zurückgeführt, wie Piet Mondrian es genannt hat, und so das einzig Verlässliche an ihr in den Vordergrund gestellt, das nicht durch Gefühle und Ideen vernebelt werden konnte. Farben, Linien, Material.
Matten Vogel ist der Zeit auch voraus. Wenn es auch nur ein paar Sekunden sind. Mit seiner SCROLL-Serie hält er auf seinen Gemälden den Augenblick einer Erwartung fest: Dass etwas sichtbar werde. Indem er Google nach Bildern fahnden ließ, sah er immer wieder ein Muster an pastellenen Farbflächen auftauchen, die als Platzhalter für die Wahrheit dienen. Dafür musste er nach unten scrollen und die Maschine überholen. Denn obwohl der Algorithmus schnell ist, kann er doch nicht sämtliche Vorschläge gleichzeitig anzeigen, was zu dem eigenartigen Effekt führt, dass man ihm voraus sein und abstrakte Bilder entstehen sehen kann, die sich in der Tradition Mondrians zu bewegen scheinen. Jedenfalls so lange, bis die Maschine aufgeholt hat.
So nimmt ein flüchtiger Moment des Unkonkreten Gestalt an, eine Zwischenzeit, in der die Maschine uns mit dem Versprechen hinhält, dass sie finden wird, was wir suchen. Dass es ein schönes Versprechen ist, hat Matten Vogel, der Piet-Mondrian-Verehrer, gleich erkannt. Er malt es.
Als er beim Scrollen zum ersten Mal vor die Zeit geriet und das entstehende Farbmosaik erblickte, dachte er: "Das ist ja von mir." Tatsächlich hat Vogel früh begonnen, im Stile Piet Mondrian zu arbeiten und Bilder zu malen, die auch von ihm hätten stammen können. Und das war der beabsichtigte Effekt. Er malte danach Maschendrahtzäune und Mauern, die in ihrer formalen Strenge der geometrischen Figur mehr Gewicht zu verleihen schienen als dem eigentlichen Topos: Dass es sich nämlich um Barrieren und Sichtbehinderungen handelt, die den Blick auf die Wirklichkeit verstellen.
Matten Vogel hat von jeher interessiert, welche Hindernisse Kunst überwinden muss, um Kunst zu sein. Sei es, dass ein Künstler nebenher zu viele Jobs annehmen muss, um sich im Atelier seinen Projekten zu widmen. Sei es, dass die Erwartungen an die Kunst den Blick auf sie so stark prägen, dass man das Wichtigste nicht mehr erkennt. Dafür muss er in Zeiten der digitalen Datenverarbeitung eine Suchmaschine austricksen und so schnell durch die Ergebnisliste scrollen, dass er Zeit für ein Bildschirmfoto gewinnt. Das dient ihm dann als Vorlage für seine Scroll-Bilder.
Es liegt nicht gleich auf der Hand, Vogel Scroll-Arbeiten mit Gerhard Richters ,unscharfen‘ Gemälden der sechziger und siebziger Jahre in Verbindung zu bringen. Tatsächlich aber folgen sie derselben Irritation. Während sich Wirklichkeit in Richters verschwommenem ,Fotorealismus‘ auflöst in das Simulakrum der Fotografien, die ihnen als Vorlagen dienten, ist sie bei Vogel ein technisches Konstrukt, ein Maschinendesign, das ebenfalls seine eigene Wirklichkeit behauptet. Es ist die Wirklichkeit eines Programms zur Datenverarbeitung. Vogel zeigt uns, wie blind es uns macht.

Kai Müller